Abschlussbericht von Juliane

Liebe Menschen, liebe Familie, liebe Freunde, liebe Spender und Spenderinnen, liebe Leute, die sich in keiner der Anrede wiederfinden,
hiermit trudelt der letzte meiner Berichte in Euer Postfach. Das Jahr ist um. Ich könnte auch schreiben „das Jahr in Chile“ oder „das Jahr meines Freiwilligendienstes“, doch scheinen mir beide Formulierungen nicht genug. Würden sie doch nicht das einfangen, was ich während der Zeit erlebt, erfahren und gefühlt habe. Chile! Wie war es in Chile? Freiwilligendienst! Wie denke ich über meinen Freiwilligendienst und was bedeutet er rückblickend für mich? Ich will versuchen das Erlebte, so gut es mir möglich ist, zu beschreiben und vielleicht auch ein bisschen zu resümieren.
Sicherlich war das Jahr eine sehr intensive Zeit, in der ich mit allen Sinnen entdeckt, gelernt und wahrgenommen habe. Weit weg von allem, was bisher meinen Alltag bestimmt, meine Gewohnheiten ausgemacht und mein Denken geleitet hat. Wie ein kleines Kind habe ich die Sprache erlernt, meine Umgebung erkundet und die Menschen zu verstehen versucht – nicht nur in sprachlicher Hinsicht. Habe mich an neuen und mir schon bekannten Dingen erfreut, Spaß an der Arbeit gehabt, tolle Menschen kennengelernt, mich aber auch manchmal gewundert und verloren gefühlt.
Santiago hat mir von Anfang an gefallen, bedingt durch die Arbeit im Heim und die Familie bei der ich gewohnt habe. Es ist auch nicht unwichtig ist auf welche Weise man eine solche Zeit ausgestalten möchte, was man sich vornimmt und wie man dies dann in die Tat umsetzt – wenn man etwas gut machen möchte, dann klappt es meistens auch. Vor allem, wenn man geduldig ist, nicht zu viel von sich selber fordert, vor allem nicht zu viel von anderen erwartet. Und wenn man das, was man schafft auch auf die eigene Kraft sowie das Können zurückführt und die Dinge mit wachem Auge angeht. Ich bin mittlerweile sehr patriotisch mit Chile verbunden und finde das Land toll. Trotzdem wurde ich mir jeden Tag darüber bewusst, dass ich Ausländerin bin: Sei es durch mein Äußeres oder durch die Sprache. Doch habe ich mich angekommen, angenommen und sehr wohl gefühlt. Es war sicherlich auch von Vorteil, dass ich ein Jahr in Santiago gelebt habe, einer riesigen Stadt, in der Traditionen aufbrechen und sich die Wandlungen veralteter Werte und Normen deutlicher abzeichnen als in ländlichen Gegenden. Ebensolche Werte und Normen mit denen ich mich identifizieren kann.
Ich habe immer versucht die Dinge feinfühlig wahrzunehmen, um mich so gut wie möglich anzupassen, vor allem aber auch, um die Menschen zu verstehen – was mir
nicht immer leicht gefallen ist, wenn beispielsweise gesellschaftliche Angelegenheiten oder Politik thematisiert wurden. Ich denke aber, dass hier bereits der Knackpunkt liegt: Wenn man sich bewusst macht, dass man gerade in einem anderen Kulturkosmos lebt und diese Unterschiede bewusst wahrnimmt, dann besteht die Möglichkeit nachzufragen, zu reflektieren, letztendlich auch zu verstehen und all das mit den eigenen Ansichten und Meinungen in Verbindung zu bringen. Ich habe in diesem Jahr diesbezüglich viel gelernt: Es gibt nicht nur die eine, meine Perspektive, es gibt viele andere, die es zu respektieren gilt – ein für mich bedeutender Aspekt in der Diskussion um kulturelle Annäherung. Die kulturellen Unterschiede sind allgegenwärtig, es macht also keinen Sinn sie zu ignorieren. Vielmehr habe ich versucht sie zu akzeptieren und positiv nutzen. Als Möglichkeit viel Neues kennenzulernen mit dem Wissen zur gleichen Zeit selbst manche Dinge (weiter)geben zu können und Erfahrungen sowie Ideen auszutauschen.
Doch welche Erfahrungen habe ich gemacht? Und inwieweit stimmen meine Erwartungen und Ansprüche vor dem Jahr mit meinen gesammelten Erfahrungen überein?
Ich hatte nach meinem Studium, in dem ich hauptsächlich theoretisch gearbeitet habe, große Lust für eine ganze Weile praktisch zu arbeiten. Und ich hatte große Lust dies in einer mir völlig fremden Umgebung zu tun. In einer Gesellschaft, die eine andere Geschichte gelebt hat, anhand anderer Mechanismen funktioniert, in der die Politik eine andere ist und folglich auch das Leben der Menschen, ihre Denk- sowie Verhaltensweisen, ihre Wirklichkeit. Beide Aspekte, Arbeiten und Kennenlernen, verbinden zwei Punkte, die mir in während der Projektzeit wichtig waren. Gleichzeitig fließen diese Aspekte in die Motivation über, die ich vor und während des Freiwilligendienstes hatte. Ich wollte etwas anderes tun als nach meinem Studium sofort Geld zu verdienen, wollte mir Zeit nehmen und gleichzeitig etwas Nützliches tun. Durch die Arbeit im Hogar konnte ich diese Dinge verbinden: praktisch arbeiten, Fremdes kennenlernen, vor allem aber auch dort mitanpacken wo es mir nötiger erschien – auch wenn nur im Kleinen und nur ein bisschen. Etwas von dem geben, was ich geben kann. Auch die Erwartung an mich selber dieses Jahr so gut wie möglich zu gestalten, offen zu sein für das Unbekannte, „wach“, Kompromisse einzugehen, auch mal einen Gang runterzuschalten oder die eigenen Ansichten zu hinterfragen, wenn mir etwas seltsam erscheint. Auch, nicht allzu viele Erwartungen im Vorhinein zu haben. Motiviert zu sein,
nette Menschen kennenzulernen, diese vor allem zu verstehen und interessiert zu sein – auch wenn sich letzteres manchmal eher weniger leicht beeinflussen lässt. Ich glaube ich konnte diese Erwartungen recht gut realisieren und bin sehr zufrieden wie ich das Jahr verbracht und was ich gemacht habe. Es ist nicht immer leicht offen zu sein, nicht wertend und tolerant, aber es ist leicht sich darüber bewusst zu werden. Nicht alles ist auf einmal da, sondern entsteht im Prozess.
Die Ansprüche, die ich im Vorhinein hatte, gehen im Großen und Ganzen mit den Erwartungen einher, die ich an mich selber gestellt habe. Mein Ziel bestand darin, so gut wie möglich mitanzupacken und irgendetwas von Wert zu hinterlassen. Damit meine ich z.B. gute Arbeit geleistet zu haben, mit einigen Ideen und Projekten, Freundschaften, das Wissen umeinander – all die Dinge, die entstehen, wenn man mit Menschen in Kontakt tritt. Ich habe durch die Beziehungen zu und die Gespräche mit den Menschen so viel gelernt und erfahren, habe mich immer wieder so darüber gefreut, dass sich all das nicht in ein paar beschreibenden Worten zusammenfassen oder verbalisieren lässt.
Das Verhältnis, welches ich mittlerweile zu den Tias habe, finde ich schön. Zu einigen von ihnen habe ich engere Beziehungen, die mir sehr viel bedeuten. Gerade in den letzten Monaten wurde ich zu diversen Geburtstagen oder anderen Feierlichkeiten eingeladen und habe regelmäßig drei von den Tias zu Hause besucht, um Zeit mit ihnen und ihren Familien zu verbringen. Besonders oft habe ich die Familie besucht, bei der ich zu Anfang gewohnt habe. Auch die Arbeit im Heim war für mich nie nur „Arbeit“, sondern das Heim ein Ort, an dem sich Freundschaften entwickeln, ich die Menschen kennenlernen und Zeit mit ihnen verbringen oder Spaß haben kann. Die Tias haben mir so viel gezeigt und gegeben, ohne es manchmal zu wissen. Ich habe immer versucht so viel wie mir möglich ist von dem zurückzugeben, mit offenem, warmen Herzen.
Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen hat mir unheimlichen Spaß gemacht. Gerade der Vorteil, dass ich weiblich bin, hat mir im Umgang mit den weiblichen Jugendlichen geholfen. Leider haben wir nicht so viel Zeit mit ihnen verbringen können, um kleine Projekte zu erarbeiten oder einfach nur die Zeit miteinander zu verbringen. Innerhalb der Arbeit mit den Kindern habe ich die Erfahrung gemacht, dass das Verhältnis zu ihnen auch immer von ihrem Alter abhängt. So habe ich den Tias oft beim Füttern oder Betreuen der Babys geholfen, war aber nie Fürsorgeperson. Bei den 1-2 jährigen Kindern zeichnen sich diesbezüglich bereits Unterschiede ab. Es gibt Kinder, die öfter meine Nähe gesucht haben als andere, die ich beruhigen konnte oder zu denen ich eine engere Beziehung hatte. Die mich also auch als eine Person angesehen haben, die
sich um sie kümmert – ich möchte hier ungern das Wort Autoritätsperson benutzen. Solche Beziehungen hängen in meiner Rolle als Freiwilliger stets vom einzelnen Kind ab, so dass ich immer versucht habe dies so gut wie möglich zu beachten und zu respektieren, damit die Kinder sich wohl fühlen. Ich glaube man kann nicht zu jedem Kind eine Beziehung in gleichem Maße haben. Die Arbeit mit den 2-6 jährigen Kindern ist im Vergleich zu der mit den jüngeren Kindern völlig unterschiedlich und man merkt regelrecht wie diese Kinder die Liebe der Tias brauchen. So hat fast jedes Kind eine Tia, zu der es eine besondere Beziehung hat und so hatte auch ich verschiedene Beziehungen zu den Kindern. Sie waren stets liebevoll, doch zu einigen intensiver. Ich werde die Kinder sehr vermissen und finde es verrückt wie schnell man sich in eine solche Arbeit und die Kinder verlieben kann.
Doch wie sehe ich nun rückblickend meine Rolle als Freiwillige in einer fremden Kultur? Konnte ich etwas bewirken? War meine Arbeit für das Projekt hilfreich? Wie bewerte ich das Projekt?
Für mich ist ein Freiwilliger wie ein Tourist auf Zeit, der einige Vorteile gegenüber einem Reisenden besitzt. Er ist nicht nur Besucher, der Vergnügen sucht und den eigentlich nichts weiter mit dem Ort verbindet, doch hat er auch nicht die gleichen Rechte und Freiheiten wie ein Chilene, folglich auch nicht dieselben Verpflichtungen. Die Rolle eines Freiwilligen liegt irgendwo dazwischen und beeinflusst zu einem großen Teil sein Handeln. Sie ist eine besondere Rolle, die es zu beachten und zu reflektieren gilt. Und sie ist besonders, da sie einer Person mehr abverlangt als eine der vielen Rollen, die man im deutschen Alltag innehat – es geht mir folglich nicht um die besondere Wichtigkeit der Rolle oder einen besonderen Status. Ein Freiwilliger sollte sich bei allem was er tut stets über seine Rolle bewusst sein und sein Handeln hinterfragen. Was tue ich in diesem Land? Warum tue ich es? Wie wirkt meine Tätigkeit auf andere Menschen? Wie wirke ich als Europäer? Ist eine solche Freiwilligentätigkeit nicht auch Luxus? Und all das Denken, die Erfahrungen und Lernprozesse? Reflexion ist meiner Meinung nach ein wichtiger Aspekt des Freiwilligendienstes. Man befindet sich nicht in seiner gewohnten Umgebung, ist nicht auf gleiche Weise mit ihr vertraut, ebenso wenig mit der Lebensweise der Menschen. Ich habe daher immer versucht mich auch mit den Augen anderer zu betrachten, um die jeweiligen Normen sowie die chilenische Lebensart zu achten. Um als Fremder, als reisender Besucher auf Zeit, keinen schlechten Eindruck zu
hinterlassen, niemanden schlimm zu verärgern oder zu verletzen. Und, um mich wohlzufühlen.
In gleichem Maße habe ich zudem versucht etwas von mir zu geben. Etwas von dem, wer ich bin, von dem, was mich zusammenhält. Immer auch im Hinblick auf einen Austausch. Denn in der Rolle eines Freiwilligen sehe ich ebenso die Aufgabe nicht nur zu nehmen, sondern auch etwas zu geben fernab der Arbeit, die man leistet. Ich habe in diesem Jahr so viel erfahren, gelernt, gesehen und gespürt, dass es fast ungerecht erscheint im Vergleich zu dem, was man den Menschen zurückgeben kann.
Dennoch denke ich, dass meine Arbeit im Projekt nützlich war, da sie den täglichen Ablauf sehr erleichtert. Die „Fahrdienste“ der Freiwilligen helfen und auch die tägliche Unterstützung der Tias durch mehrere Freiwillige ist nicht unwichtig, da auf diese Weise unter anderem Personalkosten eingespart werden können. Somit spielt vor allem der finanzielle Aspekt des Freiwilligendienstes eine besondere Rolle innerhalb der Projektarbeit. Das Heim erhält keine staatlichen Subventionen und finanziert sich ausschließlich über die Einnahme von Sach- und Geldspenden. Es ist wenig vernetzt mit anderen Heimen oder staatlichen Organisationen und kümmert sich fast ausschließlich um seine Selbsterhaltung. Die Arbeit ist sehr gut organisiert, so dass sich der Hogar durch eine hohe Fluktuation – was die Adoptionen oder Reintegrationen in die Familien betrifft – und die beständige Kommunikation zu Behörden auszeichnet. Die Vernetzungen, die der Direktor des Heimes mit der Hilfe anderer Mitarbeiter aufgebaut hat, sind enorm. Doch der Hogar ist klein, es wohnen stets rund 30 Kinder und Jugendliche im Haus – im Vergleich gibt es Heime in denen 100 Kinder oder mehr untergebracht sind. Ich habe ab und an in einem anderen Kinderheim geholfen, welches sich nicht selbst finanziert, sondern staatliche Zuschüsse erhält. Die bürokratischen Prozesse der Adoptionen und die Kommunikation zu Behörden und Gerichten sind kongruent, allerdings – so finde ich – gibt es allerlei Unterschiede in der Organisation des täglichen Ablaufs. Ich kann nicht genau sagen woran es liegt, aber mir gefällt die Arbeit im Hogar Esperanza im Vergleich zur Arbeit des Heimes, in dem ich ausgeholfen habe, besser. Staatliche Heime haben oftmals nicht die Möglichkeit die Strukturen selbst zu bestimmen, sondern sind stringenten staatlichen Bestimmungen und Kontrollen unterworfen, um fortdauernd Subventionen zu erhalten. Der Spielraum ist wesentlich eingeschränkter. So wohnen speziell in diesem Heim 60 Kinder, es arbeiten aber nicht wesentlich mehr Tias dort, die sich um diese Kinder kümmern. Auch sind die Räume, in denen sich die Kinder aufhalten und leben, wesentlich kleiner, obwohl die Anzahl der
Kinder größer ist. Im Hogar Esperanza ist die Stimmung familiärer und auch scheinen mir die Beziehungen zu den Kindern zärtlicher und der Umgang liebevoller.
Es ist also schwierig den Stellenwert des Projekts „Fundacion Hogar Esperanza“ unter dem Gesichtspunkt seiner Bedeutsamkeit innerhalb der NGO Landschaft Chiles zu beurteilen. Doch geht es hier um Kinder und Jugendliche, also einen sozialen nicht unbedeutenden Sektor, der immer und jederzeit Beachtung und Aufmerksamkeit finden sollte. Ob die Organisation klein oder groß ist, sozialen Einfluss hat oder nicht oder sich politisch betätigt.
Die Zeit in Chile war toll. Ich möchte sie nicht missen und bin sehr dankbar für diese Erfahrung. Ich möchte daher auch noch einmal allen lieben Menschen von Herzen danken, die mich finanziell und ideell während des Jahres unterstützt haben und ohne deren Mithilfe ich die Tätigkeit im Hogar Esperanza nicht hätte realisieren können. Ebenso wie die gesammelten Erfahrungen, die ich von nun an in einem kleinen Beutel, fest und sicher auf den Rücken geschnallt, mit mir umher tragen werde, um ab und an davon zu zehren. Ich hoffe, dass ich Euch während des Jahres mit interessantem Lesestoff – teilweise auch meine Gedankenwelt betreffend – versorgen und damit eine kleine Freude machen konnte. Ich bin davon überzeugt, dass ich nicht einmal mehr zur Hälfte die Gedanken, Erlebnisse und Gefühle einfangen konnte, doch habe ich mich immer sehr darum bemüht Euch Momentaufnahmen und Einblicke zu schildern. Und auch weiterhin freue ich mich von euch zu hören! Ich hoffe es geht Euch allen gut! Bis bald und Küsschen sendet Euch, Eure Juli