1. Monatsbericht von Johannes - September 2011

Liebe Familie und Freunde, Spender und Unterstützer, Interessierte!
Nach einigen Wochen eisiger Kälte in und um Santiago nutze ich heute einen der ersten wärmeren Frühlingstage meines Aufenthalts in Chile, um auf der Terrasse des Hauses im Schatten eines Orangenbaumes Platz zu nehmen und meine ohnehin knapp bemessene Zeit meinem ersten Erfahrungsbericht zu widmen. Die chilenische Reggaemusik der Marke Gondwana, die aus meinen Lautsprechern erklingt, und die warmen Sonnenstrahlen, die auf den Hinterhof fallen, könnten eigentlich richtige Frühlingsgefühle aufkommen lassen – wären da nicht die Eigenheiten einer 6,5 Millionenstadt, an die man sich als Kleinstadtschwabe erst einmal gewöhnen muss. Selbst voll aufgedreht gelingt es meinem Laptop nicht, sich gegen diese enorme Hintergrundlautstärke aus Baustellengeräuschen, Gehupe und Sirenen zu behaupten. Auch sind die Erinnerung an die Nächte und Morgen der bisherigen Wochen noch zu präsent: an Schlaf war in meinem gefliesten und nicht beheizten Zimmer nur mit Ski-Unterwäsche, Pyjama, Schlafsack und 4 weiteren Decken zu denken, und auch das war nicht gerade kuschelig warm! Frühling? Pustekuchen! Die letzten Wochen des chilenischen Winters hatten es noch einmal so richtig in sich und wandelten meine Vorliebe für Kaffee in eine regelrechte Teesucht, die sich in Chile nur zu leicht ausleben lässt.
Doch nicht nur köstlichen Tee hat die hiesige Ess-und Trinkkultur für Fremde im Angebot: uns Freiwilligen haben es hier vor allem Paltas (Avocados) und das reiche Angebot an unbekannten und bekannten, aber besser schmeckenden Früchten wie Chirimoyas, Pepinos oder Papayas angetan. Täglich gibt es Märkte mit zig Ständen prall gefüllt mit Handball großen Zwiebeln und Tomaten, grellgelben Zitronen und überdimensionierten Kürbissen, schreiende Verkäufer versuchen sich mit billigen Angeboten zu überbieten. Ich würde es auch als äußerst genial bezeichnen, dass einen nach nur wenigen Schritten aus dem Haus Orangen und Mandarinen regelrecht um die Ohren fliegen, da die Bäume im Vorgarten regelmäßig ihren Ballast abwerfen.
Der Eindruck von tropischer Idylle ändert sich jedoch schlagartig, sobald man die stark ummauerten und teilweise auch gut mit Stacheldraht, Cola-Glasscherben oder Speerspitzen gesicherten Häuser verlässt und sich auf die Straßen und Plätze Santiagos begibt. Eine Stadt, in der zwei Welten aufeinander treffen!
Der Nordosten und das pulsierende Zentrum der Stadt zieren sich mit schicken Parks und hohen Bürokomplexen. Aus dicken Autos steigen feine Anzugträger. Riesige Hotels reihen sich aneinander. In den Malls der Stadt findet man alles, was das Konsumherz begehrt. Die Restaurants haben einige Sterne und das Sushi soll ausgezeichnet sein. Feiern lässt sich hier
19.09.2011
wie in Europa. An einigen Stellen erinnert mich das Zentrum an Dallas in den USA, andere Plätze könnte man so auch in Paris wiederfinden.
In den Randvierteln der Stadt zeigt Santiago dann auf einmal ein ganz anderes Gesicht, die Häuser und Autos werden kleiner. Aus HIPER-Supermärkten werden kleine Straßenstände und Marktbuden, die grundsätzlich raren Mülleimer sind hier gar unauffindbar. Der Straßenfraß hat es mir angetan und ich probiere alles, was ich noch nicht kenne, auch auf die Gefahr hin, weitere Tage mit Übelkeit und Bauchschmerzen im Bett zu verbringen. Auf den Straßen ist viel Bewegung, die teilweise sehr klapprigen und TÜV-gefährdeten Kleinbusse brettern über die Schlaglöcher und jede Kleinigkeit zieht ein Hupkonzert nach sich. Kratzer und Dellen im Autolack belasten das Gemüt der Chilenen eher wenig.
Direkt neben meiner Arbeitsstelle, zu der ich später noch Worte verlieren werde, lebt Carlos in einer mit Wellblech und Holzbrettern verschlagenen Hütte. Er bewirtschaftet mit einer 1PS starken Maschine einige Quadratmeter Ackerland am südöstlichen Rand der Stadt und verkauft das Gemüse. Es ist schwer, sich mit ihm zu unterhalten, da er, wie im chilenischen Spanisch häufig üblich, die Wörter mehr nuschelt als ausspricht, gerne die letzten Buchstaben eines Wortes verschluckt und im Prinzip keine Zähne mehr besitzt. Er sieht ausgemergelt aus und man sieht ihm an, dass er sein Leben lang auf dem Feld gearbeitet hat, keine Familie hat und kaum Geld hat, doch er grinst trotzdem. Hinter ihm im Zentrumssmok sind die Umrisse der Hochhäuser zu erkennen. Ein paradoxes Bild!
Diese Art, sich ein Zubrot zu verdienen, ist in Santiago jedoch allgegenwärtig. Im Haus meiner momentanen Gastfamilie ist in der Küche zwischen 10 und 13 Uhr kaum ein Durchkommen, die Eltern zaubern wochentags Mittagsgerichte und bekochen das gesamte Büro, in dem die Töchter ihr Studium finanzieren. Auch vergeht kaum ein Tag, in dem nicht in U-Bahn oder Bus ein mehr oder weniger begabter Gitarrist, Trommler oder Flötist etwas Musikalisches zum Besten gibt und um ein paar Kreuzer bittet. Aufs Neue überrascht bin ich dann allerdings doch, als ein Mann in einem Schnellimbiss aus der Tüte eines Supermarktes heraus Waren für wenige Pesos mehr zum Verkauf anbietet. Das ist schon sehr skurril!
Die Viertel im Nordwesten der Stadt sollen Slums gleichen, doch aufgrund zeitaufwändiger Beschäftigungen bin ich noch nicht dazu gekommen, sie zu besuchen.
Zu einer dieser Beschäftigungen zählt meine Arbeit im Kinder-und Jugendheim ‘Hogar Esperanza‘, auf die ich mich eigentlich so gut wie immer freue. Das Hogar ist ein Waisenhaus für Kinder und Jugendliche, die aus schwierigen familiären und sozialen Verhältnissen kommen, in ihren Rechten verletzt wurden und in dem Heim einen Ort der Zuflucht finden. Die Arbeit finde ich sehr vielseitig und ich habe den Eindruck, neben den alltäglichen Arbeiten wie Kinderbetreuung, Späße machen, Putzen, Aufräumen, Reparaturen, Fahrdienste zu Schulen und Krankenhäusern usw. auch in Eigeninitiative oder mit meinen Mitfreiwilligen Johnny und Juli weitere Projekte zum Leben erwecken und an der ein oder anderen Ecke ein paar Veränderungen vornehmen zu können. Wir planen Englischunterricht, die Einführung von Mülltrennung, die bis zum jetzigen Zeitpunkt einfach nicht existiert, größere Reparaturarbeiten am Heim und erfahren dabei große Unterstützung der Heimleiterin. In dem Heim ist was zu erleben.
Unseren Eifer und Fleiß müssen wir allerdings auf das Innere der Heimmauern beschränken. Nur zu gerne würden wir unsere Solidarität und Bewunderung für die momentane
Studentenbewegung in Chile zum Ausdruck bringen. Was sich hier bewegt, ist gewaltig. Menschenmassen füllen regelmäßig die Gassen Santiagos; Fahnen und Plakate mit Aufschriften wie „No más lukro!“ (zu deutsch: „Schluss mit der Geldmacherei!“) und „Por una educación gratuita y de calidad“ („Für eine gute und kostenlose Bildung“) verleitet dem Wunsch nach einem besseren und entprivatisierten Bildungssystem Nachdruck. Auch hat sich die Bewegung mittlerweile in eine Präsidenten- und Regierungskritik ausgeweitet und wird von weiten Teilen der Bevölkerung mitgetragen. Mit Cueca, dem chilenischen Nationaltanz, Musik und Sprechgesängen bekämpfen die Chilenen größtenteils friedlich die bestehenden Verhältnisse, die Erde bebt... (Das war im Übrigen nicht bildlich gesprochen! Vergangene Nacht habe ich mein erstes Erdbeben miterlebt, das mit einer Stärke von 5,9 eigentlich recht ordentlich war aber mich wohl in einer Tiefschlafphase erwischt hat und mich somit nur kurz aus dem Schlaf gerissen hat. Ein ungewohntes, aber auch irgendwie beeindruckendes Gefühl hat das Wackeln des Hauses allerdings trotzdem hinterlassen.) Unseren Tatendrang müssen wir hier jedoch zweifelsohne bremsen. Als Extranjeros haben wir in Chile nicht das Recht, uns an Protesten zu beteiligen und haben bereits durch die Anwesenheit bei einem Protestmarsch Probleme mit den chilenischen Gesetzeshütern hinter uns.
Um einen Ausgleich zum hetzigen Stadtleben und der unglaublich ungesunden Luft suche ich immer wieder die „Flucht“ ins Umland, das nach nur wenigen Kilometern Fahrt ein völlig anderes Bild von Chile preisgibt. Die Caballeros reiten durch die kleinen Dörfer in Bergregionen, Tiere weiden auf riesigen Grünflächen und es lässt sich hervorragend wandern, zelten und klettern. Hier werde ich noch viel Zeit verbringen!
Beeindruckende und gegensätzliche Erfahrungen habe ich in meinen ersten Wochen in Santiago und Umgebung hinter mir. Immer wieder wird einem der starke Kontrast der chilenischen Gesellschaft vor Augen geführt und auch der Unterschied zwischen Stadt- und Landleben. Ich freue mich riesig auf meine kommenden Wochen und Monate hier und möchte an dieser Stelle ein weiteres Mal bei allen Spendern und sonstigen Unterstützern für ihren Beitrag zu meinem Freiwilligendienst ganz herzlich bedanken und verspreche hiermit feierlich, meinen nächsten Monatsbericht pünktlicher zu servieren. Entschuldigend möchte ich jedoch hinzufügen, dass mein Zeitplan durch 4 Tage nationaler Ausnahmezustand zum Nationalfeiertag der Unabhängigkeit erheblich durcheinander gewirbelt wurde.
Muchos Saludos aus dem 12113,24 km entfernten Santiago de Chile,
Johannes
(hier gerne auch Juanes, Juan, Yohan und einige weitere Variationen)