Freiwilligenbericht von Bente September 2016

Jetzt bin ich doch tatsächlich schon einen Monat hier in Santiago de Chile, ich muss sagen, im Nachhinein fühlt es sich gleichzeitig kürzer als auch länger an. Um diesen Widerspruch aufzuklären, fange ich am Besten mal mit dem Anfang an.
Vor genau einem Monat holte Jorge, mein Chef und gleichzeitig auch gefühlt mein Mentor und Ersatzpapi, mich vom Flughafen ab. Ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie aufgeregt ich war und dass ich anfangs wirklich voll überfordert mit meinen Spanischsprachfetzen war. Aber das hat Jorge nicht groß gestört, er hat mir alles sehr geduldig, mindesten dreimal erklärt und das ist wohl auch der Grund, warum alles so gut geklappt hat. Dann mit als erstes habe ich Marisol, die übrigens wirklich nett ist und auch im Hogar Esperanza arbeitet, ihre super sympathische Tochter Paulina und deren Familie kennengelernt. Ich wohne in einem gemütlichen Zimmer in Paulinas Wohnung, zwanzig Minuten mit dem Rad von meiner Arbeit entfernt.
Womit wir dann auch schon zu einem weiteren sehr wichtigem Thema kommen – meine Arbeit als Freiwillige in dem Hogar Esperanza. Das Hogar Esperanza ist ein Kinder – und Waisenheim für Kinder, die aus schwierigen Verhältnissen kommen. Es gibt zwei 'casas', zwei Häuser die nach Alter eingeteilt sind. Im Haus der Kleineren leben logischerweise die jüngeren Kinder von 0-6 Jahren und im Haus der Älteren sind die Jugendlichen untergebracht. Jorge ist der Chef, aber man trifft ihn eher selten auf der Arbeit, daher sind meine Ansprechpartnerinnen dort tía Julia und tía Jaquline.
Also bis jetzt lief alles glatt auf der Arbeit, die Kinder im Haus der Kleineren, um die ich mich kümmere, sind unglaublich süß und mir macht die Arbeit mit ihnen einen Riesenspaß. Meine Kollegen, die restlichen tías, sind sehr zuvorkommend und respektieren mich als 'eine von ihnen'. Was man leider noch nicht von allen Kindern behaupten kann, ich habe zum Beispiel Probleme damit als volle Autoritätsperson anerkannt zu werden. Doch darüber habe ich mit Jorge schon gesprochen und wir sind übereingekommen, dass mich zu meinen täglichen Fahrten zeitweise andere tías begleiten, die mich unterstützen. Apropos tägliche Fahrten: Was sind denn jetzt schlussendlich meine Aufgaben im Hogar? Nunja, witzigerweise habe ich das zu Anfang auch zu erfragen versucht, aber anscheinend ist die Liste mit den Aufgaben der Freiwilligen abhanden gekommen – ich habe mich also einfach mal in den Arbeitsalltag geworfen und mir Aufgaben gesucht. Was ich hier anmerken möchte ist, dass mir eine Art Anleitung oder Einführung gefehlt hat, das einzige was man als diese bezeichnen könnte wäre, dass Jorge mir die Wege gezeigt hat, die ich mit den Kindern fahren soll.
Gut, dann jetzt mal konkret: Zu meinen festen Pflichten gehören nun ohne Zweifel die Autofahrten mit den Kindern, zum Beispiel zur Schule, in den Kindergarten, zum Arzt und zum Krankenhaus. Aber gleichzeitig auch das Aufpassen beim Spielen der Kleinen, das Begleiten durch den Tag, das Helfen beim Essen, Aufräumen der Spielsachen, Putzen der Räumlichkeiten oder manchmal in der Küche aushelfen. Ihr seht, es ist von allem was dabei. Am Besten gefällt mir allerdings die direkte Arbeit mit den Kindern. Ich bin vorrangig bei den Medianos, die 1-3 Jährigen, häufig auch bei den Babys und eher selten bei den Älteren. Im Haus der Großen bin ich kaum, nur um die Jugendlichen abzuholen und/oder abzusetzen oder Einkäufe abzuliefern.
Kommen wir nun zu meinem Umfeld und wie es mir hier so geht:
Ich muss sagen, dass ich mich zu Anfang wirklich ein wenig unwohl gefühlt habe hier in Santiago. Das lag aber weniger an meiner Arbeit oder meinem Umfeld, sondern ist eher eine Zusammensetzung von verschiedenen Gründen. Als allererstes hab ich mich hier sehr allein gefühlt. Das Problem war, dass ich alleine und ohne meine Mitfreiwillige Isabel angekommen bin und erstmal Leute kennenlernen musste, denen ich vertrauen kann und mit denen ich mich anfreunden kann.
Normalerweise habe ich damit weniger Probleme aber es war tatsächlich schwieriger als ich es angenommen oder wahrscheinlich eher gehofft hatte. Vor allem habe ich die ersten Tage auch nicht gearbeitet, habe mich daher ein wenig nutzlos und fehl am Platz gefühlt, auch weil ich niemanden hatte, mit dem ich darüber reden konnte. Es war zwar nicht so, dass die Leute hier nicht alle super nett sind und nicht auf mich zugekommen wären, aber die Sprachbarriere hatte da ihre Finger im Spiel und das Kennenlernen erschwert. Ich will gar nicht wissen, wie das wäre, wenn ich gar nichts verstehen würde! So geht es nämlich einigen anderen Freiwilligen aus Deutschland, die ich jetzt, etwas später getroffen habe. Sie wohnen bei Marisol, kommen von einer anderen deutschen Organisation und arbeiten auch nicht im Hogar mit mir. Trotzdem waren sie erstmal mein erster Anhaltspunkt, genauso wie Paulina. Sie ist 26 und hat zwei kleine Kinder, und ich kann sagen, dass wir uns beide mittlerweile wirklich gut verstehen. Ich wohne hier total gerne und lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass ich bei ihr ein neues Zuhause gefunden habe.
Dazu kommt auch noch, dass hier vor einer Woche eine weitere Freiwillige eingezogen ist, Dominique, die auch bei mir im Hogar arbeitet. Sie kommt aus den USA und spricht wenig Spanisch, deswegen bin ich momentan dabei, so eine Art Spanisch-Englisch-Deutsch zu quatschen...aber die gute Nachricht ist: Es funktioniert! Ich mache daher viel mit Paulina, Paulinas Freunden, Dominique und den anderen Freiwilligen aus Deutschland, die bei Marisol wohnen, da wir uns öfter Mal als 'Familie' zum Grillen oder zum Empanadas backen treffen. Dieses Wochenende gehen wir auch zusammen weg, da hier der Nationalfeiertag von Chile ganz groß gefeiert wird. Darauf freue ich mich schon!
Nachdem auf der Arbeit auch der Alltag eingetrudelt ist gehen die Tage viel schneller rum. Momentan genieße ich noch den Luxus, jedes Wochenende frei zu haben, aber das wird sich noch ändern, wenn Isabel auch anfängt im Hogar zu arbeiten. Deswegen versuche ich, das noch so gut wie es geht auszunutzen, auszugehen, ein bisschen was von Chile zu sehen und solche Sachen.
Aber um ehrlich zu sein kann ich mich nicht beschweren, denn meine Arbeitszeiten sind sehr angenehm, zwei Mal die Woche von 7:15 bis 13.00 und dann Mittagessen, und drei Mal die Woche von 14:00 bis 20:00. Es bleibt also auch noch genug Zeit, um mit meinem Fahrrad ein bisschen die Gegend zu erkunden. Das Fahrrad war wirklich mein Highlight diesen Monat, denn Jorge hat irgendwie organisiert, dass ich es geschenkt bekomme! Das bedeutet, ich muss nicht mehr eine Dreiviertelstunde zur Arbeit laufen sondern kann ganz entspannt mein Rad nehmen, es ist echt Luxus.
Also soweit alles super bei mir in Chile, das einzige was mir ein bisschen Sorgen macht, ist das Essen. Klingt jetzt blöd, aber ich esse wirklich viel mehr als in Deutschland, und dazu auch nicht gerade vorbildlich gesund. Aber verdammt, es ist so lecker!
Trotzdem versuche ich ab jetzt ein bisschen mehr darauf zu achten, was ich esse, und Dominique, Paulina und ich hatten ebenfalls überlegt, ob wir uns nicht zusammen bei einem Zumbakurs anmelden, der relativ günstig sein soll.
Abschließend könnte ich so viel noch sagen, aber 'Endlich richtig angekommen' beschreibt meinen aktuellen Zustand am Besten. Ich freue mich schon auf die nächsten Monate und vor allem auch auf Isabel.