Freiwilligenbericht von Frieder 2018

Uns hat ein aktueller Bericht von Frieder, einem Freiwilligen der gerade vor Ort im Hogar Esperanza ist, erreicht. Er beschreibt sehr schön die Arbeit des Heims. Vielen Dank dafür und viel Spaß beim Lesen:

Es ist nun März, und der chilenische Sommer neigt sich dem Ende zu.

Das Hogar hat im vergangenen Monat vier neue Kinder unter seine temporäre Obhut genommen - Zwei davon, S. (1 Jahr) und F. (1,5 Jahre) kamen aus einem anderen Hogar in Santiago. Die Veränderungen zu beobachten, die die Kinder durchmachen, ist superschön! Während die beiden anfangs noch verunsichert und ruhig waren, sieht man sie mittlerweile sehr viel lachen und neugierig ihr neues Heim und die neuen Spielsachen entdecken.

Das Hogar, aus dem sie kamen, hatte wohl immer ca. 15 Kinder unter der Aufsicht einer einzelnen Tía und diesen Unterschied zum Hogar Esperanza bemerkt man! Ich persönlich habe das Gefühl, dass das “sich Öffnen” der Kinder stark mit dem familiären Gefühl des Hogar Esperanzas zusammenhängt. Die Kinder suchen viel körperliche Nähe und werden gerne in den Arm genommen. Schon beim Essen bemerkt man eine Veränderung. Während F. anfangs noch große Probleme hatte, beim Essen ruhig zu sitzen und den ganzen Löffel zu essen ohne dabei die Hälfte wieder auszuspucken, freuen sich die beiden mittlerweile richtig auf die gemeinsamen Mahlzeiten. S. konnte bereits seinen ersten Geburtstag im Hogar verbringen.

Die Geburtstage der Kinder sind immer ein Highlight! Von einer mit Namen beschrifteten Torte, die ein naheliegender Konditor gespendet hat, bis zu Girlanden und einer “Vollversammlung” aller Kinder und Tías im Garten des Hogars, darf an diesen besonderen Tagen nichts fehlen. Auch wenn S. wahrscheinlich nicht ganz verstanden hat, dass es sich an diesem Tag um ihn dreht, fand ich es wie jedesmal unglaublich schön, wie liebevoll die Geburtstage der Kinder vorbereitet werden. Allein schon die beschriftete Torte und das Geburtstagslied, egal ob Baby oder eine/-r der Älteren zeigen, dass jedes Kind etwas besonderes ist, und nicht nur Teil einer regelmäßig wechselnden Gruppe von Kindern. Das halte ich für unglaublich wichtig, was die persönliche und charakterliche Entwicklung der Kinder angeht.

Vor wenigen Tagen kamen im Krankenwagen dann zwei neue Babys an, beide nicht älter als 2 Monate. Diese sehr jungen Neuzugänge sind leider mehr oder weniger üblich und kommen häufig direkt aus dem Krankenhaus. Im Normalfall werden die Babys sehr schnell aufgepeppelt und verändern sich in wenigen Monaten von kleinen Wesen zu kräftigen jungen Menschchen.

Doch auch Abschiede gehören zum Leben im Hogar Esperanza dazu - glücklicherweise!

Schließlich besteht die Aufgabe des “Hauses der Kleinen” in der Vermittlung in die ursprüngliche Familie beziehungsweise in eine Adoptivfamilie wenn ersteres nicht möglich ist. Im Falle von I. (9 Monate) und A. (4 Monate) war dies der Fall. Beide verließen das Hogar im vergangenen Monat mit einer neuen Familie und wie Shakespeare sagen würde, man schaut ihnen mit “einem lachenden und einem weinenden Auge” hinterher. Denn schließlich ist die Vermittlung in eine Adoptivfamilie ein Zeichen für die erfolgreiche Arbeit des Hogars.

Auch die vierjährige J., die bereits ihr ganzes Leben im Hogar Esperanza verbracht hat, wird nun nach vielen individuellen Schwierigkeiten endlich ein neues Zuhause finden. Vermutlich gegen Ende diesen Monats wird sie das Hogar verlassen, und kommende Woche von ihrem Glück erfahren.

Ansonsten hat das Hogar Esperanza einen Alltag, der sich dadurch auszeichnet, dass es eben diesen immer gleichen Alltag nicht gibt. Immer kommen neue Herausforderungen, Veränderungen und auch Vorschriften. So bin ich immer wieder beeindruckt über die Flexibilität, die nach all den Jahren noch immer herrscht.

In den Sommermonaten Januar bis März hatten die Tías Urlaub und auch die Anzahl der Krankenschwestern, die regelmäßig Praktika im Hogar absolvieren und benötigt werden, war sehr gering. Durch den Personalengpass wurden alle Kräfte mobilisiert und auch meine Aufgaben als Frewilliger gingen noch mehr in den Bereich der Betreuung der Kinder.

Das war eine sehr schöne Zeit, wenn auch sehr anstrengend. So musste ich häufig ganz allein mit den “Parvulos”, den ältesten Kindern zwischen 2 und 4 Jahren, zu Abend Essen und mehrere Stunden am Abend auf diese aufpassen - was wirklich schwieriger sein kann, als man denkt. Dadurch, dass viele Kinder im Hogar häufig nicht die einfachsten Vergangenheiten haben, sind einige der Kinder auch etwas verhaltensauffälliger. So gab es zwar schwierige Momente, doch hat diese Zeit mir nochmal sehr viel beigebracht.

Man kann sich natürlich immer die Frage stellen - “Inwiefern ist es gut, wenn die Kinder sich zu sehr an das Hogar und die Tías binden?”.

Meiner Ansicht und Erfahrung nach ist Zuneigung und Familiarität IMMER notwendig, um die seelische und gesunde Entwicklung eines Kindes voranzubringen. Wenn die Kinder früh Erfahrungen mit Abschied und Veränderung machen müssen, ist das sicherlich nicht leicht - doch allemal besser, als wenn Zuneigung und ein familiäres Umfeld schlichtweg nicht vorhanden sind. Viele der Kinder leben ja auf unbestimmte Zeit im Hogar Esperanza, wenn es nicht endende Probleme mit der eigenen Familien gibt. So harren sie, ohne es selbst zu wissen, im Hogar aus und weder kommt eine Adoption in Frage, da die eigentliche Familie zwar existiert, aber (noch) nicht in der Lage ist, das Kind aufzunehmen, aber trotzdem nicht aufgeben will. Denn die “Esperanza”, die Hoffnung, auf ein mögliches Leben in der richtigen Familie, sei es Mutter, Vater, Großmutter oder Onkel, wird nicht vorschnell aufgegeben, was ich für richtig halte (Was nicht bedeutet, dass die Kinder ohne ausreichende Kontrolle einfach wieder in die Obhut ihrer Eltern o.a. übergeben werden).

Nun beginnt der Alltag wieder einzutrödeln, es wurden neue Sicherheitshinweise angebracht, der neue Evakuationsplan wurde mehrfach erprobt, das neuangebrachte Warmwassersystem funktionert einwandfrei und die Tías sind mittlerweile alle aus dem wohlverdienten Urlaub zurück!

Ich schicke viele Grüße und ein Dankeschön an alle Spender und Interessierten von “Hand in Hand für Chile e.V.”.

Frieder